Vom Misstrauen zur Überzeugung
Als Sohn eingefleischter SPD-Wähler war die CDU in meiner Kindheit stets Ziel von Argwohn und Spott. Das richtete sich vor allem gegen Helmut Kohl, und daran änderte auch die Vollendung seines Lebenswerks, der deutschen Einheit, wenig.
Als Angela Merkel seine Nachfolge antrat, hielt ich das bei der ersten Wahl zunächst für einen schlechten Witz.
In ihrer zweiten Amtszeit wurde ich CDU-Wähler. Wegen ihr. Und das bin ich bis heute geblieben.
Eine Kanzlerin, die mehr geleistet hat, als ihr zugestanden wird
Ich empfinde es als ausgesprochen unangemessen, mit wie viel Hass und Häme Angela Merkel heute überzogen wird. Sie hat Enormes geleistet. Wenn Helmut Kohl die Heilung der Wunde der deutschen Teilung eingeleitet hat, dann hat Angela Merkel in meinen Augen jene Wunden weiter geschlossen, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg der Welt und auch sich selbst geschlagen hat.
Deutschland war unter ihrer Führung, auch und gerade wegen ihrer Entscheidungen im Jahr 2015, international so beliebt und geachtet wie selten zuvor. Und ja, mit dem Satz „Wir schaffen das“ hat sie selbst in meinem argwöhnischen, von SPD-Denkmustern, Untergangsapologeten und grüner Berufsempörung geprägten Herzen einen Patriotismus geweckt, von dem ich vorher nicht wusste, dass es ihn dort überhaupt gibt.
Ich weiß, dass es heute fast schon zum guten Ton gehört, Angela Merkel zu verachten und allen möglichen Schwachsinn über sie zu verbreiten. Nur war ich noch nie ein Herdentier. Ich bilde mir lieber meine eigene Meinung.
2015 als moralischer Wendepunkt
Die eigentliche Leistung Angela Merkels lag oft nicht nur in den sichtbaren Krisen, durch die sie uns mit einem blauen Auge herausgeführt hat. Sie wirkte häufig auf einer tieferen, grundlegenderen Ebene, und genau dort war ihr Einfluss besonders stark.
Fragt euch selbst: Wer könnte es heute noch wagen, uns reflexhaft mit der Nazikeule zu kommen? Dank Angela Merkel können wir heute souverän sagen: Ja, die Generation unserer Urgroßväter hat Schreckliches getan.
Aber was haben die israelischen, russischen und US-amerikanischen Generationen der Gegenwart zu verantworten? Und was die deutsche? Die israelische Gegenwart muss mit den Folgen einer brutalen Eskalation leben, die russische Generation der Gegenwart mit dem Ukrainekrieg sowie mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Isolation ihres Landes. Und es soll mich kein US-Amerikaner mehr fragen, wie es die Deutschen jemals zulassen konnten, dass jemand wie Hitler an die Macht kommen konnte.
Denn 2015 hat Deutschland der Welt etwas gezeigt, das weit über reine Politik hinausging. Wir haben bewiesen, dass wir nicht mehr das Land von 1945 sind. Wir haben gezeigt, dass Deutschland nicht nur wirtschaftlich stark und organisatorisch verlässlich sein kann, sondern auch menschlich. Freundlich. Hilfsbereit. Human.
Ja, in dieser Form darf sich eine solche Ausnahmesituation nicht beliebig wiederholen. Das ist unbestritten. Aber das ändert nichts daran, dass wir damals etwas Bedeutendes geleistet haben. Wir haben der Welt gezeigt, dass unsere Vergangenheitsbewältigung nicht nur aus Sonntagsreden besteht. Sie wurde von einem großen Teil der Gesellschaft tatsächlich mitgetragen. Und darauf dürfen wir, bei aller Nüchternheit, auch stolz sein.
Warum ihr Vermächtnis bleibt
Heute scheint es modern zu sein, Merkel auf ihr politisches Erbe zu reduzieren, es kleinzureden oder ins Lächerliche zu ziehen. Ich halte das für bequem und kurzsichtig.
Denn alles Weitere, was danach kommt, ist politisches Handwerk: Anpassung, Korrektur, Weiterentwicklung, neue Schwerpunktsetzungen. Das gehört zur Demokratie dazu. Aber im Kern ist etwas geblieben, das man nicht einfach wegdiskutieren kann: Unter Angela Merkel hat Deutschland der Welt ein anderes Gesicht gezeigt.
Ein Gesicht, das zuverlässig, humanistisch, freundlich und hilfsbereit ist, solange man nicht versucht, dieses Land mutwillig aufs Kreuz zu legen.
So sehe ich das.




