Ein guter Tag – reden über Rechtsextremismus

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Donnerstag, der 15. November. Es ist so richtiges Novemberwetter draußen. Eine echte Suppe und kalt dazu. Die passende Kulisse, um einen Edgar-Wallace-Film zu drehen. Diese Schinken aus den 50er und 60er-Jahren, die ich in den 80ern als Kind gesehen hatte (mit halb geschlossenen Augen gelegentlich, wie ich zugeben muss), spielten auch immer im Halb-Nebel-Dunkel. Solche Gedanken gehen mir morgens um 6 Uhr durch den Kopf, als ich mich in Braunschweig durch den dichten Nebel auf die Autobahn quäle. Ich habe also nun doch zugesagt. Eine öffentliche Veranstaltung mit dem NDR-Redakteur Stefan Schölermann am Cato Bontjes van Beek-Gymnasium in Achim. Das war ein langes Hin und Her. Ein Ausstiegsevent mochte und möchte ich nicht sein. Deshalb kam nach dem Schlussstrich für mich nicht in Frage, zu einer reißerischen Talkshow zu gehen. Die wollen ja nur ihr Klischee haben, den kurzen Aufreger. Und dann kommt der nächste Skandal. Dann: Man kennt die Ausstiegsvortragenden, die ihren Schritt vermarkten. Frage: Kann man sich überhaupt ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen, auch bei einer Schulveranstaltung, ohne in solchen Erwartungsklischees unterzugehen? Man kann, wie ich seit diesem Tag weiß.

Ein mulmiges Gefühl: Nach acht Jahren wieder vor Schülern zu stehen, und über das eigene politische Leben zu sprechen, Fragen zu beantworten. Das Cato Bontjes van Beek-Gymnasium ist ein guter Ort dazu. Der obligatorische Blick bei Wikipedia im Vorfeld informierte mich: Eine Widerstandskämpferin und ganz junge Frau, die im Dritten Reich ihren Mund aufgemacht hat und dafür mit ihrem Leben bezahlen musste. Die Schule ist ein Ort der Erinnerung und zugleich ein gutes Beispiel, wie man sich mit Geschichte beschäftigen kann. In der Schule ist ein Archiv zusammengetragen, das man eigentlich besser Museum nennen sollte. Die Einstellung der Namenspatronin, gegen jede Art von Tyrannei aufzustehen, wird das Motto der Schule. Das Archiv stellt nicht nur Dokumente über das Leben und die Zeit aus. Schüler und Lehrer haben das Leben dieser tapferen Frau künstlerisch und historiografisch lebendig aufbereitet. Hätte ich das vorher gewusst, wäre das Bauchgrummeln wohl überflüssig gewesen.

Denn wo man so vielschichtig und ernsthaft mit den Dingen umgeht, ist eine gute Diskussion vorprogrammiert. Unsere Veranstaltung war Teil eines Projekttages im Rahmen eines Tages zur Demokratie. Bei den anderen Vorträgen ging es um den Islam und die Frage der Wehrverweigerung im Zweiten Weltkrieg. In zwei Blöcken, jahrgangsentsprechend geordnet, wurde das Thema Rechtsextremismus bearbeitet. Stefan Schölermann, der beim NDR seit Jahren über die Szene berichtet, gab einen Einblick in Organisation, Strukturen und Denkweisen der Szene. Ich erzählte über meinen Einstieg, meine damaligen Motivationen, über das Denken in dieser Zeit und über meine Gründe, einen Schlussstrich unter diesen Lebensabschnitt zu setzen.

Die Fragen der Schüler waren gut, wahrscheinlich sind sie so auf einen Schlag gar nicht zu beantworten. Welche Einstellung ich heute hätte. Ich hätte die Nase voll von Ideologien. Das war zwei Schülerinnen zu schwammig. Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht ganz genau sagen kann, welches politische Etikett ich mir zur Zeit umhängen würde. Vor allem aber habe ich keine Lust, wie die letzten Jahre, „letztgültige Wahrheiten zu verkaufen“. Dazu habe ich selbst viel zu viele Fragen. In der Offenheit, hatte ich den Eindruck, konnte das so stehen bleiben. Das ist ein gutes Gefühl, auch einräumen zu können: Ich weiß es selbst nicht genau. In einer Partei ist man letztlich doch nur ideologisch festgenagelt. Der Irrtum oder die Revision gilt als Verrat. Ein Schüler fragte, ob ich nun alles ablehnte, was ich vorher gesagt hätte? Gute Frage. Das Ganze gleicht einer Inventur, muss ich mehr und mehr feststellen. Und das wäre sicher auch für jemanden gut, der gerade nicht aussteigt.

Wie bei einer Ladeninventur nimmt man die Dinge Stück für Stück heraus und überprüft sie. Politisch war ich einmal angetreten, weil ich mein Land liebte. Das Gefühl ist mir nicht fremd geworden, wenngleich auch die vielen Brüche in unserer Geschichte keinen Hurrapatriotismus mehr hervorrufen können. Aber das auf der Linken häufig anzutreffende Verneinen der eigenen Identität kann ich nach wie vor nicht nachvollziehen. Gleichzeitig sehe ich aber, zum Beispiel nach der Antwort von Jörg Lau auf meinen letzten Beitrag bei den Integrationsbloggern und einigen Diskussionen danach, dass auch dort das Wir gar nicht gänzlich infrage gestellt wird. Aber was in der NPD oder PRO als patriotisch verstanden wird, ist fast immer ein Nationalismus, der sich gegen jemanden richtet. Auch die Fragerunde ist ein Stück der Inventur: Ich spreche über den Vorwand Islamkritik, um nicht „Ausländer raus“ sagen zu müssen. Dabei kommt mir das Schicksal der Widerstandskämpferin der Namenspatronin in den Sinn und ich berichte darüber, dass ich mich in den letzten Wochen viel mit einem anderen, sehr patriotischen Widerstandskämpfer beschäftigt habe: Pater Rupert Mayer.

Das Inventurstück? Wie oft habe ich selbst für die islamkritische Szene argumentiert, es sei gar nicht hinzunehmen, dass der Islam weltliche Autoritäten nicht anerkenne. Natürlich hatte mich dann nicht wirklich interessiert, wie groß die Loyalität wirklich ist und wo sie aufhört. Man hätte ja mal jemanden persönlich fragen können. Allerdings schoss mir durch den Kopf, dass Pater Rupert Mayer nach 1933 auf die Kanzel gestiegen war und einen gottlosen Staat angeprangert hatte, weil er die weltliche Autorität gerade nicht anerkannt hat. Was wäre gewesen, wenn es für ihn die göttliche Instanz nicht gegeben hätte. Und die nur 23 Jahre alte Cato Bontjes van Beek hat die Grundsätze der Menschlichkeit über das Gesetz gestellt. Wollen die Islamisierungskritiker über jeden einzelnen Muslim und seine moralischen Kategorien ein Urteil fällen? Diese und andere Fragen rauschen mir durch den Kopf, als ich am Abend wieder heimische Gefilde erreiche. Der Nebel hat sich noch nicht gelegt. Aber die Begegnungen an der Schule haben auch bei mir für weitere Klärung gesorgt. Und wenn die Schülerinnen und Schüler weiter über Demokratie und Freiheit diskutieren, so wie es das Leitbild der Schule mahnt, und wenn so eine Veranstaltung dazu ein kleiner Stein war, der ins Wasser fällt und kleine Kreise zieht, dann ist es ein guter Tag gewesen.

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About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

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