Die Angst vor dem Terror mit einer neuen Signierung

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Anlässlich des Massakers in Oslo, verübt durch einen norwegisch-stämmigen Terroristen namens Anders Behring Breivik, ist zwischendurch der Streit ausgebrochen, warum man sich freue, dass er ein Christ ist.

Die Erleichterung, dass es kein islamistisch motivierter Anschlag war, ist meines Erachtens naiv, doch wen wundert es. Der Generalverdacht besteht nach wie vor auf Muslime, ob es lächerlich scheint oder nicht. Die ersten Vermutungen waren Richtung islamistisch motivierte Terroristen aufgrund des norwegischen Engagements in Afghanistan.

Dieses war jedoch ein Irrtum. Schnell änderte sich die Atmosphäre, als man erfuhr, dass es sich um einen christlich motivierten Terroristen handelt. Er stehe zu seiner Grausamkeit und halte dies für notwendig, heißt es.

Der 32-jährige Mann, der 7000 Freunde auf Facebook haben soll (laut SZ), schilderte VOR  der Tat auf 1516 Seiten seinen Hass auf Einwanderer, Muslime und die herrschende politische Korrektheit (Political Correctness). Dieses Manifest beinhaltet viele Zitate von einem regelmäßigen PI-Nutzer  mit dem Pseudonym Fjordman. Fjordman ist ein norwegischer Blogger, dieser schrieb seit 2005 unter seinem eigenen blogspot.com. Ich habe  in dem Manifest von Breivik bei Seite 774 aufgehört, den Namen von Fjordman zu zählen, der bis dahin schon 41 Mal zitiert wurde.

Der geistig kranke „Einzeltäter“ beherrscht das Handwerk des wissenschaftlichen Arbeitens zumal er Fußnoten, Zitate, Absätze, Überschriften, Tabellen, Glossar etc. korrekt verwendet. Fotos von sich und seiner Familie am Ende des Manifest 2083 sollten nicht fehlen. Warum das Manifest 2083 heißt, weiß ich nicht, bis zum Jahr 2083 hofft er anscheinend die Reinigung Europas vor dem Islam und natürlich vor den Sozialisten).

Dass diese Bilder in sämtlichen Medien abgebildet wurden, halten einige für falsch. Breivik habe den Heldenstatus erhalten, den er erzielt hatte. Wir können nur hoffen, dass sich solch ein grausamer Anschlag nicht wiederholt, doch Nachahmungseffekte sind in der Medienwirkungstheorie einer der wirkungsvollsten Tatsachen. Dies zeigen die Amokläufe, die nach und  vor Winnenden passiert sind.

“Preserve or replace European Monarchies?” “Bewahren oder erneuern der europäischen Monarchien““, lautet ungefähr einer der  Forschungsthesen von Breivik im Manifest, dann zählt er die acht europäischen Länder auf, die unter einem Königreich regiert werden. Der doppelte Anschlag auf eines dieser Königreiche (Norwegen) soll anscheinend der Aufruf zur Erneuerung der Monarchie in diesen Ländern und die Bewahrung konservativer Werte sein.

Fjordsman sowie auch Breiviks Themen drehen sich um die Gefahr von Eurabien, Islamisierung von Europa, Islamischer Krieg gegen den Westen, Multikulturalität und die Notwendigkeit einer konservativen Revolution. Auch las ich Sätze über die Deportation der Palästinenser aus Israel und wie das mit der Zustimmung zur politischen Idee Ariel Sharons aussieht. Es sind so viele Parallelen zu den rechtspopulistischen Äußerungen in Deutschland zu ziehen, so dass sie fast erschreckend auf mich wirken.

Vordergründig sollte die Anteilnahme an den Opfern der perfiden Anschläge sein und trotzdem läuten bei mir die Alarmglocken, wohin das führen soll. Ein Angriff auf die linke Szene um ihre Solidarität gegenüber den Muslimen zu schwächen.

Auslandsnachrichten gehören zu den unaufdringlichen Themen, während Themen, die einer selbst in Erfahrung bringt, zu den aufdringlichen gehören. Ich habe das Gefühl, dass der Anschlag in Norwegen alles andere als unaufdringlich ist, zumal sehr viele Parallelen zu den Umständen in Deutschland gezogen werden können, von der wir alle betroffen sind. Der Norweger plante seinen Anschlag seit 9 Jahren und die Information, dass er ein gläubiger Christ sei, wirft nicht nur Fragen auf, sondern gibt dem ganzen einen religiösen Beigeschmack.

Es ist sehr eigenartig, doch muss ich gestehen, dass ich nun die Angst vor dem Islam in Ansätzen nachvollziehen kann. Nun darf ich als Muslimin Angst vor Terroristen haben, die sich nicht über den Islam profilieren, sondern über das Christentum. Der Kreuzritter von Norwegen hat es geschafft, mir eine Gänsehaut zu verschaffen, doch werde ich einen Teufel tun und gläubige Christen unter Generalverdacht stellen. Die Tatsache, dass das Gedankengut Breiviks aus uns bekannten  rechtsextremen, islamophoben und rechtspopulistischen Kreisen kommt, lässt nur hoffen, dass es keine Nachahmer gibt. Doch eines gilt auch noch zu hoffen, und zwar die Zensur von aufhetzerischen Internetseiten und deren Hetzkampagne. Es gibt anscheinend einen kausalen Zusammenhang zwischen Hetzkampagnen und dem norwegischen Terroranschlag, sowie der Brandanschläge, die sich in den letzten Jahren gehäuft haben. Dass dies scheinbar eine Scheinkorrelation ist, können die Hassprediger zu ihrer Verteidigung zwar sagen, doch haben die Kommentatoren auf PI und auch die Themen, die dort publiziert werden nicht lediglich eine katharsische Funktion verknüpft mit Aufklärung über die Missstände, die der Islam in Europa anstellt.

Ich frage mich, ob Breivik nicht geahnt hatte, dass er seinen rechtspopulistischen Genossen damit schadet, oder ob ihm das Gefühl im Mittelpunkt zu stehen  und die Schlagzeilen weltweit zu besetzen, wichtiger waren.

About Author

Geboren in Berlin, Deutsche mit türkischen Wurzeln, MA-Publizistin mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Nebenfach Psychologie (Abschluss 2010).

16 Kommentare

  1. Wir haben eines seit 2001 gelernt, nämlich, dass ein Generalverdacht das dümmste ist was man machen kann. Der Anschlag hat die einseitige Angst relativiert, die sicher viele Menschen umgetrieben hat und mit viel Glück wird die Politik wieder in der Realität einer komplexen, schwierigen Welt ankommen, statt sich in eine schwarz-weiß Utopie zu flüchten, wo alles einfach und durchsichtig ist.

  2. Wir müssen die Stimme des Friedens weiter klingen lassen und uns vor Augen halten das dieses nur ein einzelner Täter ist und ihm nicht soviel Wichtigkeit beimessen.
    Was ist in Somalia und anderen Ländern.wo Gruppierungen tag täglich tausende Menschen abschlachten die keine Lobby haben?Diese Geschehnisse werden zu selten erwähnt.Wir müssen mehr über den Tellerrand schauen.Nicht die Nähe macht das Elend grausam,sondern der Verlust vieler Menschen die keine Beachtung bekommen.
    Sudan: Bürgerkrieg seit 1983 (bis 2003): ca. 2 Millionen Tote
    Kongo: Krieg 1998-2003: ca. 3 Millionen Tote
    Ruanda: Bürgerkrieg 1994: mindestens 800.000 Tote
    Hier sind unendliche stumme Schreie.

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